Konventionelles Wissen hält einer genaueren Prüfung häufig nicht stand. Millimeter unter der Oberfläche täglicher Überzeugungen öffnen sich neue Einsichten.

Lesen Sie Auszüge aus einem Buch, das in den USA für Furore gesorgt hat und jetzt in deutscher Sprache erschienen ist. Die Autoren zeigen, wie scheinbar komplexe Probleme sich mit dem Schlüssel der richtigen Frage relativ einfach lösen lassen. Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner geben mit unorthodoxem Denken und ökonomischem Rüstzeug Impulse für ein innovatives Marketing...
Freakonomics I Die Anatomie von Heiratsanzeigen
Warum es Männer abschreckt, wenn Frauen zu viel verdienen - und warum es Frauen elektrisiert, wenn Männer viel verdienen. Weiter
Freakonomics II Warum der Chef so gerne stiehlt
Überraschend viele Menschen klauen nicht - selbst wenn sie unbeobachtet sind. Andere hingegen langen zu, obwohl sie es am allerwenigsten nötig hätten. Weiter
Freakonomics III Spiel mit der Empörung
Man hört Ihnen nicht zu? Vielleicht argumentieren Sie zu ausgewogen. Erziehungsexperten machen vor, wie es besser geht. Weiter
Freakonomics IV Belohnungen und Strafen
Anreize können viele Probleme des täglichen Lebens lösen. Schon kleine Belohnungen und Strafen entfalten eine erstaunliche Macht. Falsche Anreize richten allerdings auch erstaunliche Schäden an. Weiter
Steven D. Levitt, Stephen J. Dubner Freakonomics - Überraschende Antworten auf alltägliche Lebensfragen. Übersetzt von Gisela Kretzschmar, Riemann Verlag, 2006, 304 Seiten, 18,95 Euro, ISBN: 3-570-50064-0
Warum es Männer abschreckt, wenn Frauen zu viel verdienen - und warum es Frauen elektrisiert, wenn Männer viel verdienen –
In einem beliebigen Jahr tauschen rund vierzig Millionen Amerikaner intime Wahrheiten über sich selbst mit Menschen aus, die ihnen völlig fremd sind. Das alles geschieht auf den Dating-Seiten im Internet. Einige davon wie Match.com, eHarmony.com und Yahoo Singles finden bei einem breiten Publikum Anklang. Andere bedienen eher spezifische Interessen: ChristianSingles.com, Jdate.com, LatinMatcher.com, BlackSinglesConnection.com, CountryWesternSingles.com, USMilitarySingles.com, PlusSizeSingles.com und Gay.com. Dating-Webseiten sind die erfolgreichsten Abonnementsdienste im Internet.
Jede Seite funktioniert etwas anders, aber das Grundprinzip ist folgendes: Man füllt ein Raster mit persönlichen Angaben über sich aus, wozu typischerweise ein Foto gehört, Angaben zu Lebenslauf, Einkommensgruppe, Bildungsstand, Vorlieben und Abneigungen usw. Wenn sich jemand von dieser Darstellung angesprochen fühlt, wird er oder sie eine Mail schicken und vielleicht ein Treffen vereinbaren, um den Inserenten persönlich kennen zu lernen. Auf vielen Webseiten können sie auch ihre Ziele präzise definieren: »langfristige Beziehung«, »gelegentliche Affäre« oder »will mich nur mal umsehen«.
Hier gibt es also zwei umfangreiche Datensätze, die genauer zu untersuchen wären: die Informationen, die Leute in ihr Persönlichkeitsprofil aufnehmen, und die Reaktionen, die das jeweilige Profil auslöst. Jeden Datensatz kann man gesondert untersuchen. Bei den Persönlichkeitsprofilen geht es darum, wie ungeschminkt (und ehrlich) die Leute ihre persönlichen Informationen weitergeben. Und bei den Reaktionen ist zu fragen, welche Art von Information in den Persönlichkeitsprofilen als die attraktivste (oder am wenigsten attraktive) wahrgenommen wird. Zwei Ökonomen und ein Psychologe haben sich kürzlich zu einem Team zusammengeschlossen, um diesen Fragen nachzugehen.
Ali Hortaçsu, Günter J. Hitsch und Dan Ariely haben die Daten aus einer der Mainstream-Dating-Seiten analysiert, wobei sie sich auf rund 30.000 Nutzer konzentriert haben, die Hälfte davon in Boston, die andere Hälfte in San Diego.
75 Prozent der Nutzer waren Männer, und das mittlere Alter für alle Nutzer lag zwischen 26 und 35 Jahren. Obwohl alle Rassen ausreichend vertreten waren, um einige Rückschlüsse über die verschiedenen Rassen zuzulassen, waren die Nutzer doch überwiegend Weiße. Sie waren sehr viel reicher, größer, schlanker und besser aussehend als der Durchschnitt, zumindest wenn man ihren eigenen Angaben glauben will. Mehr als 4 Prozent der Online-Dater behaupteten, sie würden über 200.000 Dollar im Jahr verdienen, wogegen weniger als 1 Prozent der typischen Internetnutzer zu dieser Einkommensgruppe gehören. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass drei von vier angeblichen Großverdienern übertrieben haben. Männliche und weibliche Nutzer gaben typischerweise an, dass sie zweieinhalb Zentimeter größer waren als der nationale Durchschnitt. Die Gewichtsangaben der Männer entsprachen dem nationalen Durchschnitt, während die Frauen erklärten, ungefähr 20 Pfund weniger als der nationale Durchschnitt zu wiegen.
Am stärksten beeindruckte, dass volle 70 Prozent der Frauen behaupteten, »überdurchschnittlich gut« auszusehen, einschließlich 24 Prozent, die sich als »sehr gut aussehend« bezeichneten. Damit bleiben nur 30 Prozent Nutzerinnen mit »durchschnittlichem« Aussehen, wovon 1 Prozent sich zu »unterdurchschnittlichem« Aussehen bekannte – was die Vermutung nahe legt, dass die typischen Online-Kontaktsuchenden entweder Märchen erzählen oder narzisstisch oder einfach resistent gegen die Bedeutung des Ausdrucks »durchschnittlich« sind. (Oder vielleicht sind sie alle einfach Realisten: Wie jeder Immobilienmakler weiß, sind die meisten Häuser nicht »reizvoll« oder »phantastisch«, aber wenn man es nicht behauptet, wird niemand sie auch nur ansehen.)
28 Prozent der Frauen auf der untersuchten Webseite erklärten, sie seien blond. Dieser Anteil liegt weit über dem nationalen Durchschnitt und weist darauf hin, dass ziemlich viel gefärbt oder gelogen wird – oder beides.
Einige Nutzer waren freilich von einer entwaffnenden Ehrlichkeit. 8 Prozent der Männer gaben zu, dass sie verheiratet waren, wobei die Hälfte von ihnen sich als »glücklich verheiratet« bezeichnete. Aber die Tatsache, dass sie ehrlich waren, bedeutet nicht, dass sie unvorsichtig waren. Von den 258 »glücklich« verheirateten Männern stellten nur 9 ein Foto von sich ins Netz. Die positive Aussicht, eine Mätresse zu finden, wurde klar überwogen von dem Risiko, dass die Ehefrau die Kontaktanzeige Ihres Mannes entdeckte. (»Und was hast du auf dieser Webseite gemacht?«, könnte der Ehemann fragen, aber das würde ihm wohl nicht viel nutzen.) Von den vielen Möglichkeiten, auf einer Dating-Webseite keinen Erfolg zu haben, ist der Verzicht auf ein Foto eindeutig die sicherste. (Nicht dass dieses Foto unbedingt eine Aufnahme von Ihnen selbst sein müsste; es könnte sich genauso gut um einen besser aussehenden Fremden handeln, aber eine solche Täuschung würde sich früher oder später rächen.) Ein Mann, der sein Profil nicht um ein Foto ergänzt, bekommt nur ein Viertel der Mails, die einer erhält, der sein Foto veröffentlicht. Eine Frau, die kein Foto beifügt, bekommt nur ein Sechstel der Antworten.
Ein Mann, der wenig verdient, schlecht ausgebildet und in seinem Job unglücklich ist, nicht besonders attraktiv, leicht übergewichtig und mit fortgeschrittener Glatze, hat bessere Chancen, ein paar Mails zu erhalten, als ein Mann, der behauptet, er verdiene 200.000 Dollar im Jahr und sei umwerfend attraktiv, aber kein Foto beifügt.
Es gibt zahllose Gründe, warum jemand kein Foto veröffentlicht – vielleicht hat er Probleme mit der Technik, will nicht von Freunden erkannt werden oder ist ganz einfach unattraktiv – aber wie bei einem brandneuen Auto, das zum Verkauf angeboten wird, nehmen potenzielle Kunden an, dass irgendetwas mit diesem Bewerber nicht stimmt. Auch so ist es schon schwierig genug, ein Date zu bekommen. 57 Prozent der Männer, die sich auf der Webseite darstellen, bekommen keine einzige Mail. Dasselbe gilt für 23 Prozent der Frauen.
Die Merkmale hingegen, auf die viele Leute reagieren, werden kaum eine große Überraschung für jemanden sein, der auch nur die geringste Ahnung davon hat, was Männern bzw. Frauen wichtig ist. Die von den Online-Datern ausgedrückten Präferenzen entsprechen jedenfalls haargenau den üblichen Stereotypen über beide Geschlechter. Beispielsweise haben Männer, die angaben, sie seien auf der Suche nach einer langfristigen Beziehung, sehr viel besser abgeschnitten als jene, die lediglich auf eine Affäre aus waren.
Für Männer ist das Aussehen einer Frau von herausragender Bedeutung. Für Frauen ist das Einkommen eines Mannes von größter Wichtigkeit. Je reicher der Mann ist, desto mehr Mails bekommt er.
Die Attraktivität einer Frau wächst für Männer zwar auch mit dem Einkommen, aber nur bis zu einer bestimmten Höhe. Männer interessieren sich nicht für Frauen, die wenig verdienen, aber wenn eine Frau zu viel verdient, wirkt das offenbar abschreckend. Männer fühlen sich angezogen von Studentinnen, Künstlerinnen, Musikerinnen, Tierärztinnen und Berühmtheiten (und sie meiden Sekretärinnen, Rentnerinnen sowie Frauen, die beim Militär oder bei der Polizei arbeiten).
außerdem Rechtsanwälte und Finanzexperten in leitender Position, sie meiden Arbeiter, Schauspieler, Studenten und Männer, die im Bereich der Nahrungsmittel Versorgung oder im Gaststättengewerbe arbeiten. Für Männer ist es ein erheblicher Nachteil, wenn sie klein sind (deshalb lügen sie in dieser Hinsicht wahrscheinlich so oft), aber ihr Gewicht spielt keine große Rolle. Für Frauen ist Übergewicht hingegen tödlich (deshalb lügen sie wahrscheinlich bei dieser Angabe). Rote Haare, krause Haare oder eine Glatze bringen Männern Nachteile, aber ein rasierter Schädel ist okay. Für eine Frau sind graue Haare ungünstig, während blonde sehr positiv bewertet werden.
In der Welt des Online-Datings ist ein Kopf voller blonder Haare für eine Frau ungefähr so viel wert wie ein Collegeabschluss – und bei einem Preis von hundert Dollar fürs Haarefärben im Vergleich zu 100.000 Dollar für die Collegeausbildung erheblich billiger ...
Zusätzlich zu allen Informationen über Einkommen, Bildung und Aussehen geben die Männer und Frauen auf der Dating-Seite auch ihre Rassenzugehörigkeit an. Außerdem werden sie danach gefragt, welche Rasse sie bei einem potenziellen Partner bevorzugen – »dieselbe wie ich« oder »spielt keine Rolle«. Wie die Kandidaten bei »The Weakest Link« erklären die Nutzer der Webseite nun erst einmal öffentlich, welche Einstellung sie zu Leuten haben, die anders aussehen als sie selbst. Und anschließend zeigen sie ihre tatsächlichen Präferenzen in vertraulichen Mails an die Leute, die sie kennen lernen möchten.
Ungefähr die Hälfte der weißen Frauen und 80 Prozent der weißen Männer auf der Webseite erklärten, die Rasse würde für sie keine Rolle spielen. Aber der zweite Datensatz – die Mails – erzählt eine andere Geschichte. Die weißen Männer, die behauptet hatten, die Rasse sei ihnen nicht wichtig, schickten 90 Prozent ihrer Mails an weiße Frauen. Die weißen Frauen, die behauptet hatten, die Rasse sei ihnen nicht wichtig, schickten 97 Prozent ihrer Mails an weiße Männer. Könnte es sein, dass die Rasse für diese Leute tatsächlich keine Rolle spielte und sie einfach keine Anzeige von einer nichtweißen Person gefunden haben, die sie interessierte? Oder ist es nicht doch wahrscheinlicher, dass hinter ihrer Behauptung, die Rasse sei ihnen egal, das Bestreben stand – besonders bei einem potenziellen Partner der eigenen Rasse –, möglichst aufgeschlossen zu erscheinen?
Steven D. Levitt, Stephen J. Dubner Freakonomics - Überraschende Antworten auf alltägliche Lebensfragen. Übersetzt von Gisela Kretzschmar, Riemann Verlag, 2006, 304 Seiten, 18,95 Euro, ISBN: 3-570-50064-0
Freakonomics II Warum der Chef so gerne stiehlt
Überraschend viele Menschen klauen nicht - selbst wenn sie unbeobachtet sind. Andere hingegen langen zu, obwohl sie es am allerwenigsten nötig hätten. Weiter
Freakonomics III Spiel mit der Empörung
Man hört Ihnen nicht zu? Vielleicht argumentieren Sie zu ausgewogen. Erziehungsexperten machen vor, wie es besser geht. Weiter
Freakonomics IV Belohnungen und Strafen
Anreize können viele Probleme des täglichen Lebens lösen. Schon kleine Belohnungen und Strafen entfalten eine erstaunliche Macht. Falsche Anreize richten allerdings auch erstaunliche Schäden an. Weiter