Sonntag, 20.05.2012

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Organisationsmodell Hollywood

Hierarchische Organisationen arbeiten in Zeiten ruhiger und stabiler Märkte am effektivsten, funktionieren in Zeiten dynamischer Veränderungen jedoch zu langsam: Ihre administrativen Verfahren sind viel zu starr, als dass sie sich an rasch verändernde Märkte anpassen könnten.

Schnelle Strukturen:

Netze sind viel flexibler, sie entsprechen der Sprunghaftigkeit der neuen Ökonomie. Durch eine kooperative und teamorientierte Arbeitsweise können die Partner schneller auf Veränderungen reagieren. Einerseits geben sie einen Teil ihrer Autonomie und Souveränität auf, andererseits gewinnen sie aber aus der Spontaneität und Kreativität, die der vernetzten Zusammenarbeit entspringen, gemeinsame Vorteile. So wird in Netzwerken ein Denken außerhalb eingefahrener Bahnen belohnt, die Partner entwickeln mehr neue Ideen, gehen mehr neue Verbindungen ein und führen dort neue Aktionspläne ein, wo veränderte Umfeldbedingungen sie erfordern.

Das vernetzte System der Filmproduktion:

Die Unterhaltungsindustrie hatte schon immer all jene Risiken zu bewältigen, die Produkte mit kurzen Lebenszyklen begleiten. Jeder Film ist ein einzigartiges Erlebnis, das rasch ein Publikum finden muss, wenn die Produktionsfirma ihre Investitionen einspielen will. Dadurch wird die Vernetzung der Geschäftstätigkeiten zu einer lebenswichtigen Notwendigkeit.

Aber das war nicht immer so. Die frühe Filmindustrie verließ sich noch auf „fordistische“ Produktionsprinzipien. So genannte „Rezeptfilme“ wurden wie Autos am Fließband produziert. Anfang der dreißiger Jahre beherrschte eine Handvoll Studiogiganten die Filmindustrie. Ihr Aufbau war hierarchisch und darauf angelegt, jeden Aspekt des Produktionsprozesses vom Drehbuch bis zum Vertrieb zu überwachen und zu regeln.

Mit der wachsenden Konkurrenz des neuen Mediums Fernsehen konfrontiert, änderte die Film-Industrie ihre Produktionskonzepte. Die großen Studios entschlossen sich, weniger, dafür aber unterhaltsamere Filme zu produzieren. Jeder Film ein einzigartiges Produkt, das um die Zuschauergunst wetteifern konnte. Die wachsenden Kosten die entstanden, weil weniger Filme und diese jeweils individueller produziert wurden, erhöhten das finanzielle Risiko und machten die Rendite des eingesetzten Kapitals unsicherer.

Das vernetzte System der Filmproduktion

entstand in den fünfziger Jahren. Die Studio-Giganten begannen Schauspieler, Regisseure, verschiedene Spezialisten und Dienstleister für jedes Projekt neu und gezielt unter Vertrag zu nehmen. Immer mehr unabhängige Produktionsfirmen entstanden, gegründet von Bühnenbildnern und Schauspielern, die vorher bei den großen Studios beschäftigt gewesen waren. Heute produzieren die verbliebenen großen Studiogesellschaften kaum noch Filme im eigenen Haus. Stattdessen agieren sie als Kapitalgeber, die den unabhängigen Produzenten die Finanzierung bereitstellen und dafür die Vermarktungsrechte erhalten. Jede Filmproduktion bringt ein Team unabhängiger und spezialisierter Auftragnehmer zusammen. So bildet sich ein Netzwerk, dessen Lebensdauer auf die Laufzeit des Projektes beschränkt ist.

Produzenten finden genau das Know-how, das sie für ein bestimmtes Projekt benötigen, indem sie Ressourcen einer Reihe spezialisierter Firmen zusammenbringen.

So können die allgemeinen Kosten der Produktion gering gehalten werden, weil teure Spezialleistungen „on demand“, vertraglich festgelegt nur für begrenzte Aufträge in Anspruch genommen werden.

Von 1979 bis 1995 verdreifachte sich die Zahl der in Südkalifornien produzierten Spielfilme. Die meisten Unternehmer der Filmindustrie beschäftigen trotz dieses beachtlichen Zuwachses weniger als zehn feste Mitarbeiter. Unabhängige Produktionsfirmen, die 1960 gerade 28 Prozent aller Filme in den USA produziert haben, produzierten 20 Jahre später 58 Prozent aller Filme, die großen Studios dagegen weniger als 31 Prozent.

Obwohl im Verlauf des Neustrukturierungs-Prozesses eine wachsende Anzahl kleiner erfolgreicher Unternehmen entstanden sind, beherrschen die großen Studios und Unterhaltungskonzerne noch immer den größten Teil des Prozesses, weil sie die Produktionen teilweise finanzieren und weil sie die Vermarktung der Produkte kontrollieren.

Retrospektive Analysen zeigen, dass die großen Studios die vertikale Auflösung und die Vernetzung des Produktionsprozesses mit vielen kleinen spezialisierten Unternehmen gezielt vorangetrieben haben, um effektiver und mit vermindertem finanziellen Risiko produzieren zu können.

Indem sie ihre Macht als nationale und internationale Vertriebsnetzwerke behielten, dominieren sie das Filmgeschäft weiterhin. Obwohl unabhängige Produktionen die Masse neuer Filme produzieren, bleibt der größte Teil der erwirtschafteten Gewinne bei den ganz Großen hängen.

Hollywood weist den Weg zu einer neuen vernetzten Wirtschaft:

In einer Welt wachsender Konkurrenz, immer differenzierterer Produkte und Dienstleistungen sowie immer kürzerer Produktzyklen halten sich Konzerne an der Spitze, indem sie Finanzen und Vertriebskanäle kontrollieren und es dabei gleichzeitig ihren Dienstleistern überlassen die Lasten des Eigentums und des Managements materieller Vermögenswerte zu tragen.

Hollywood hat sich von einer Industrie mit klassischen, riesigen und vertikal organisierten Konzernen zum weltweit besten Beispiel einer vernetzten Ökonomie gewandelt. Schließlich wird jede wissensintensive Industrie denselben hierarchielosen, in viele Einheiten differenzierten Zustand erreichen und es ist kein Zufall, dass das Organisationsmodell Hollywood so rasch von der Informations- und der Biotech-Industrie übernommen wird.

Quelle: Jeremy Rifkin, ACCES, Campus Verlag Frankfurt/New York 2000

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