Ärzte leiden zunehmend unter Patienten, die sich im Internet bereits selbst eine Diagnose besorgt haben.
Lästig für den Arzt. Aber wie oft bringt ärztliche Oberflächlichkeit Patienten erst dazu, sich Dr. Google zuzuwenden? Unser Fall ist authentisch, der Name des Patienten wurde geändert, alle Patientenunterlagen wie, Diagnosen, Arztberichte etc. liegen der Redaktion vor.
Die Schmerzen in der Rippengegend sind unerträglich. Einrenken der Brustwirbel hat nichts gebracht. Auf der Suche nach einer Rippenfraktur wird der Hausarzt fündig: Ein Pleuraerguss auf der rechten Seite als Folge einer Pleuritis. Der Hausarzt schickt Klaus K. (57) zum Röntgen ins städtische Krankenhaus. Der Erguss wird bestätigt, sonst kein Befund. Nach einwöchiger Antibiotikatherapie scheint der Patient gesund. Eine gewisse Unsicherheit bleibt, denn von was hatte er eine Rippenfellentzündung, die er nie bemerkt hat?
Klaus K., durchtrainierter Sportler, spürt einen sich beschleunigenden Rückgang seiner Leistungsfähigkeit. Sein Ruhepuls, sonst unter 60, ist auf 90 angestiegen, geringste Anstrengungen lösen Atemnot und Herzrasen aus.
Weil der Hausarzt im Urlaub ist, begibt sich der Privatpatient direkt in die Innere Abteilung des Städtischen Krankenhauses. Dort wird er geröntgt, einem Lungenfunktionstest und einem Herzecho unterzogen. Und mit Verdacht auf beginnendes Asthma mit einem Rezept für ein Cortisonspray nach Hause geschickt. Sein Verdacht, da müsse doch ein Zusammenhang mit der Rippenfellentzündung bestehen, wird ausdrücklich verneint. Der Arztbrief kommt schon am übernächsten Tag.
Klaus K. ist von einigen Formulierungen irritiert. Er hätte sich mit leichter Atemnot und eingeschränkter Belastbarkeit vorgestellt. Nun ja, vielleicht war das ganze objektiv tatsächlich weniger heftig als er es subjektiv empfand. Herz gut, Rechtsbelastungszeichen nicht nachweisbar. Das hatte beim Herzecho anders geklungen. Der Arzt hatte über eine Rechtsherzvergrößerung gesprochen und ihn nach Auswurf befragt. Auch wird von einer nachgewiesenen Rippenfellentzun!dung gesprochen, was einfach nicht stimmt. Einziger Befund: grenzwertige Lungenfunktion mit Übergang von noch normal auf beginnende Obstruktion, ohne nähere Angaben, welche Funktionen eingeschränkt sind.
Der Gesundheitszustand von Klaus K. verbessert sich langsam, ohne dass er das Asthmaspray einsetzt. Nach drei Wochen joggt er wieder ganz ordentlich, Puls und Atmung sind fast wieder normal.
Ganz plötzlich hat sich sein Zustand dramatisch verschlechtert, selbst im Ruhezustand hat er Atemnot, sein Puls rast. Der Hausarzt tippt darauf, dass die Schilddrüse verrückt spielt, lässt die entsprechenden Blutwerte im Labor überprüfen und schickt Klaus K. nach Hause.
Der lässt sich, sonst auf dieser Schiene eher beratungsresistent, von seiner Partnerin überreden, selbst im Internet zu recherchieren. Er googelt sich durch die entsprechenden Gesundheitsseiten und wird schnell fündig: Alle seine Symptome passen zu einer Lungenembolie.
Und siehe da, auch die Rippenfellentzündung passt. Die tritt nämlich auch gelegentlich nach Embolien auf. Und weiter: Embolien erzeugen Lungenhochdruck und führen so zu erhöhter Belastung des Rechtsherzens.
Als er bei Wikipedia auch noch liest, dass die Lungenembolie zu den am häufigsten übersehenen und falsch diagnostizierten Todesursachen gehört, geht Klaus K., bestückt mit Arztberichten, Laborwerten und Röntgenbildern in die Pneumologische Abteilung der Uniklinik.
Der behandelnde Arzt tippt anhand der Vorbefunde auf mehrere kleine Embolien, ein Lungenfunktionstest und der zwischenzeitlich ermittelte D-Dimer Wert erhärten seinen Verdacht. Im Rollstuhl wird Klaus K. – er darf sich nicht mehr auf eigenen Beinen bewegen – von der Pneumologie in die Notaufnahme der Uniklinik gefahren.
Am Abend steht die Diagnose fest: ausgeprägte beidseitige Lungenarterienembolie unter Verlegung sämtlicher Lappenarterien. Die wahrscheinliche Ursache: zwei Beinvenethrombosen.
Nach mehrmonatiger Marcumar-Therapie ergeben die Abschlussuntersuchungen ein erfreuliches Bild. Embolie im CT nicht mehr nachweisbar, keine Tumoren an zwischenzeitlich geschädigtem Lungengewebe, auch die Beinvenen sind wieder völlig frei.
Klaus K. ist wieder uneingeschränkt leistungsfähig und wird in Zukunft bei langen Auto- oder Flugreisen zum Verhindern von Thrombosen Stützstrümpfe tragen.
Den Chefarzt des Städtischen Krankenhauses hat er in einem persönlichen Brief aufgefordert, in Zukunft bei ähnlichen Symptomen zuallererst eine mögliche Embolie auszuschließen.
Sein Fazit: „Die Ärzte der Uniklinik waren super, doch ohne Dr. Google wäre ich nie dort gelandet.“