Das erfolgreichste internationale Krankenhaus liegt in Thailand. Mit 420.000 ausländischen Patienten im Jahre 2007 ist das Bumrungrad Krankenhaus in Bangkok weit erfolgreicher als konkurrierende Institutionen in den USA oder Europa. Spät eingestiegen in den internationalen Wettbewerb ist die deutsche Spitzenmedizin: Ganze 54.000 ausländische Patienten wurden 2005 in Deutschland behandelt (neuere Daten liegen nicht vor), die meisten ungeplant während einer Urlaubs- oder Geschäftsreise. Nur 14.000 reisten extra zur medizinischen Behandlung an.
Dabei ist der Markt riesig: In großen Teilen der früheren Sowjetunion, in der arabischen Welt und zunehmend in Indien und China gibt es einen gewaltigen Nachholbedarf in der medizinischen Versorgung. Dazu kommen US-Bürger, die sich die hohen Preise für Operationen im eigenen Land nicht mehr leisten können, und große amerikanische Unternehmen wie General Motors, die ihre in guten Zeiten mit Mitarbeitern vereinbarten Gesundheitsleistungen nur noch mit preiswerten ausländischen Vertragspartnern erfüllen können. Oder aber Patienten aus Großbritannien und den skandinavischen Ländern, die zu Hause ewig auf Termine für planbare Operationen warten müssen.
Kein Wunder, dass man sich vielerorts rüstet. Die Außenwirtschafts-Förderungs-Gesellschaft der Schweiz (Osec) hat gemeinsam mit Schweiz-Tourismus den Verein „Swiss Health“ gegründet, mit dem Ziel, alle Aktivitäten zur Vermarktung des Schweizer Gesundheitswesens im Ausland zentral zu koordinieren und effizient zu betreiben.
Deutschland ist davon noch weit entfernt und lebt weitgehend von Aktivitäten einzelner Institutionen, obwohl es ein „Netzwerk Deutscher Gesundheitsregionen e.V.“ gibt, welche den Medizin- und Technologiestandort Deutschland koordiniert voranbringen soll.
Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat gemeinsam mit privaten Investoren eine Gesellschaft gegründet und ein ständiges Büro in Moskau errichtet, in dem ein russischer Kinderarzt als Ansprechpartner für Patienten fungiert, die sich in Hamburg behandeln lassen wollen. Auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist das UKE aktiv.
Sieben Berliner Krankenhäuser, darunter das renommierte Deutsche Herzzentrum Berlin, haben einen Verbund „Network for better Medical Care Berlin“ (NBMC) gegründet. NBMC will den Patiententourismus fördern und Spitzenmedizin vermarkten. Qualitätsstandards wie Sprachkenntnisse des Personals, Hotelkomfort der Klinik und seriöse Preise werden garantiert. Mit einem amerikanischen Krankenversicherungsunternehmen wurde vereinbart, amerikanische Patienten in Berlin zu versorgen. Allerdings müssen noch wichtige versicherungstechnische Fragen geklärt werden. Was passiert beispielsweise, wenn ein US-Patient Schadensersatz fordert? Die hohen US-typischen Schadensersatzansprüche könnten in Deutschland gar nicht versichert werden.
Das Martin Luther Krankenhaus in Berlin hat einen Exklusiv-Vertrag mit der „Sogaz Insurance“ abgeschlossen, der Krankenversicherung des russischen Gasriesen Gazprom. Was das dem Krankenhaus voraussichtlich einbringen wird, will die Klinik zur Zeit noch nicht verraten.
Erwähnenswert ist eine Initiative „Bochum2015“ der Stadt Bochum. Auch hier geht es unter anderem um Medizintourismus. Mitte November 2008 ist Bochum auf dem „MosMedSalon“ erstmals international aktiv geworden und hat mit einer Werbemappe in russischer Sprache ein Gesamtpaket an Spitzenmedizin und Service in Bochum vorgestellt. Weitere Schritte in Russland sollen folgen, die Übersetzung der Werbemappe in die arabische Sprache läuft.
Parallel zur Förderung des Medizintourismus sollten deutsche Krankenhäuser im Ausland investieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis aufstrebende Länder ihre eigene Infrastruktur aufgebaut haben. Deshalb ist es sinnvoll, vor Ort in den entsprechenden Ländern Systemlösungen anzubieten – etwa mit deutschen Medizintechnikunternehmen in Asien Kliniken zu planen und auszustatten. Denn nur dann wird Deutschland an den gigantischen Zukunftsmärkten partizipieren. Nur ein Beispiel: In etwa 15 Jahren wird es in Indien 75 Millionen Diabetiker geben. Etwa ein Prozent dieser Menschen wird dann eine Dialyse brauchen. Und solche Behandlungen gehen nur vor Ort.
Die bisherigen Erfolge im globalen Medizingeschäft sind bescheiden, auch weil deutsche Kliniken im Ausland eher als Konkurrenten als gemeinsam auftreten. Dabei wird es zunehmend wichtig, sich rechtzeitig gut zu positionieren. Internationale Erfolge machen auf deutsche Forschungsleistungen aufmerksam und helfen bei deren Finanzierung. Fu?r viele Kliniken könnten zusätzliche Einnahmen durch Auslandspatienten oder -Engagements überlebenswichtig werden. Ein Drittel aller deutschen Krankenhäuser arbeitet derzeit nicht kostendeckend und kann sich alleine aus den Mitteln der gedeckelten deutschen Etats langfristig nicht finanzieren. Durch die Finanzkrise wird sich die Situation noch heftig verschärfen.