Lieber Philipp Rösler,
man kann Sie eigentlich nur noch beglückwünschen! Kaum haben Sie neue Verordnungen zur Preisbildung von Arzneimitteln verkündet, steigt Ihre Beliebtheit sprunghaft an. Infratest bescheinigt Ihnen, dass Sie von den hinteren Rängen schlagartig auf Platz fünf in der Skala der beliebtesten Politiker vorgerückt sind.
Da muss Ihnen doch das Messer in der Tasche aufgehen. Übergewichtige Politiker schwadronieren mit Krokodilstränen über Solidarität in der gesetzlichen Krankenkasse! Das bisherige System sei gerechter, weil der Stärkere mehr schultern müsse als der Schwache. Und die breite Masse glaubt diesen Blödsinn! Dabei berücksichtigt das jetzige System (wie bereits ausführlich beschrieben) allein die Lohn- und Gehaltseinkommen und dies nur bis zu einer Höchstgrenze.
Politiker sind in der Regel wie Beamte privat versichert, zahlen folglich einen Einheitsbetrag. Und ist ein Übergewichtiger solidarisch? Oder ein Raucher, ein Risikosporttreibender? Pauschal gefragt: Ist es solidarisch, wenn jemand durch sein Verhalten die eigene Gesundheit gefährdet und damit potentiell die Krankenkassen belastet?
Wer freiwillig an überprüfbaren Gesundheitsprogrammen teilnimmt, würde einen Bonus bekommen. Wer raucht, trinkt, sich ungesund ernährt, Risiko- Sportarten betreibt etc. müsste durch eine erhöhte Mehrwertsteuer auf entsprechende Produkte und Dienstleistungen automatisch einen Zusatzbeitrag zahlen, der direkt an die Krankenkassen geht. Eine praktische Gesundheitsschule für alle Verbraucher und ein verursachungsgerechtes Finanzierungssystem!
Doch anscheinend hat Ihnen die Debatte um den Einheitsbeitrag so zugesetzt, dass Sie vom Kurs abkamen und plötzlich altbewährte Populismus-Instrumente ausgraben mussten. Die böse Pharmaindustrie abwatschen, das funktioniert seit 30 Jahren: Kaum haben Sie neue Verordnungen zur Preisbildung von Arzneimitteln verkündet, steigt Ihre Beliebtheit sprunghaft an. Im ARD- Deutschlandtrend Anfang April bescheinigt Ihnen Infratest, dass Sie von den hinteren Rängen schlagartig auf Platz fünf in der Skala der beliebtesten Politiker vorgerückt sind.
Arzneimittel sind bei uns oft teurer als im Ausland. Doch nicht immer ist die Industrie schuld. Wenn in Deutschland ein Hersteller ein Medikament für 10 € verkauft, kostet es hierzulande in der Apotheke gut 21 €. Das gleiche Produkt kostet in Portugal nur knapp 14 €. Weil dort Steuern, Vertriebskosten und Apothekenspanne einfach geringer sind. Dafür muss der Patient dort auch länger warten oder zur nächsten Klinikapotheke fahren, wenn ein Arzneimittel in seiner Apotheke nicht vorrätig ist.
Noch in den 70er Jahre galt Deutschland als die Apotheke der Welt. Viele innovative Medikamente kamen aus deutschen Laboren, ein deutsches Unternehmen (Hoechst) war weltweit die Nummer Eins bei den Umsätzen. Insgesamt drei deutsche Unternehmen – Hoechst, Boehringer Ingelheim und Bayer waren unter den Top Ten, weitere drei – Schering, Boehringer Mannheim und Knoll – unter den Top Twenty.
Dann kam die Zeit der Gesundheitsreformen. Eine jagte die andere, und Reform für Reform ging es mit der deutschen Pharmaherrlichkeit zu Ende. Heute ist kein deutsches Unternehmen mehr unter den zehn ersten, gerade noch zwei – Bayer-Schering und Boehringer Ingelheim – gehören zu den Top Twenty. Was noch schwerer wiegt: Die heutige Pharmalandschaft besteht weitgehend aus Marketing- und Vertriebs-Organisationen. Wirklich forschende Unternehmen sind selten geworden. Forschungs-Know-how und viele hochwertige Arbeitsplätze gingen verloren und wanderten ins Ausland. Die Musik spielt in den USA, der Schweiz, Großbritannien und Frankreich. Die Apotheke der Welt hat ausgedient!
Haben die Reformen dem Gesundheitssystem genützt? Fehlanzeige! Die Finanzlage der Kassen wird immer bedrohlicher.
Aber Sie sind ja nicht für die Industrie zuständig, darum müsste sich Ihr Parteikollege Brüderle kümmern. Das erinnert ein bisschen an die Diskussion zwischen hochspezialisierter Schulmedizin und ganzheitlicher Medizin. Ein Facharzt der ein krankes Organ kurieren will und dabei den Rest des Organismus vergisst!
Oder geht es nur um Popularität? Den Eindruck könnte man gewinnen, wenn man Ihre letzte Baustelle, die Landarztquote betrachtet. Wenn Sie in diesem Zusammenhang die Abschaffung des Numerus Clausus für Medizin fordern, ist Ihnen öffentlicher Beifall sicher. Dafür wildern Sie in fremdem Revier, denn eigentlich sind dafür die Kultusminister zuständig.
Wir sind gespannt auf Ihre nächsten Schritte. Geht es vorwärts mit sinnvollen Veränderungen, die hart errungen werden müssen, weil sie zunächst auf wenig Beifall stoßen. Oder schmeckt die neu gewonnene Beliebtheit so süß, dass jetzt Imagepflege an oberster Stelle steht?
Mit besten Grüßen und Wünschen für einen nachhaltigen Erfolg!