Seit rund 30 Jahren wird in Deutschland – teilweise unter hochtrabenden Bezeichnungen wie Strukturreform – Kostendämpfungspolitik im Gesundheitswesen gemacht. Dabei ist die Geschichte dieser Reformen eine Geschichte des permanenten, meist unausgesprochenen Betrugsvorwurfs. Die Hauptakteure dieses Spiels – Patienten, Ärzte, Krankenhäuser, Apotheker sowie die Medizin- und Pharmaindustrie – standen und stehen unter Generalverdacht, sich rücksichtslos auf Kosten der Allgemeinheit aus dem Topf der gesetzlichen Krankenversicherung zu bedienen. Im Bedürfnis nach immer mehr Kontrolle produzierte die Politik eine Reform nach der anderen. So betrachtet wäre die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) nicht mehr als ein weiterer, vielleicht letzter Schritt auf diesem Weg der Kostendämpfung. Denn durch gläserne Marktteilnehmer und ein Höchstmaß an Kontrolle würde die eGK Milliarden an ungerechtfertigten Leistungen einsparen.
Die eigentlich geplante flächendeckende Einführung Anfang 2006 ist längst gescheitert und auch der nächste anvisierte Termin, April 2008, ist ohne eGK verstrichen. Von den Verantwortlichen im Gesundheitswesen sind keine neuen Termine zu hören. Insgesamt 16 Verbände und Vereinigungen laufen Sturm gegen die Karte und haben teilweise gute Gründe für ihre Sicht der Dinge angeführt. Doch lassen wir uns nicht täuschen, die Karte wird kommen. Nicht mit Pauken und Trompeten durch den Haupteingang sondern mit der Salamitaktik der vollendeten Tatsachen in kleinen Schritten. Welch hohe Priorität die Politik der eGK gibt, zeigte sich Anfang Januar 2009 in Bottrop. Da stellte die Bundesknappschaft ihre elektronische Patientenakte, verbunden mit einer eGK, vor. Gerade einmal 10.000 Patienten, 50 niedergelassene Ärzte und das Knappschaftskrankenhaus Bottrop sind an der drei Jahre dauernden Testphase dieser heftig abgespeckten Version der ursprünglichen eGK beteiligt.

Doch zur Einführung kommt Ulla Schmidt, die Bundesgesundheitsministerin, persönlich vorbei und lässt sich beim höchst aussagekräftigen Akt, nämlich die Karte in den Rechner steckend, von der Presse fotografieren!
Versucht man die rund 5 Jahre dauernde Diskussion um die eGK in den Medien nachzuvollziehen, fällt zunächst die Zahlenlastigkeit der Argumente auf. Befürworter zeigten Einsparungspotentiale von vielen Milliarden auf, Gegner fanden Milliardengräber. Die Höhe der Summen schwankte stark, je nachdem welche Interessengruppe sie nannte. Dazu kamen die Befürchtungen der Gegner. Wie soll Datensicherheit gewährleistet sein, wie vor Missbrauch geschützt werden, wie soll der Patient ungestört Einblick in seine eigenen Daten nehmen können? Die Antworten auf diese Fragen sind meist unbefriedigend. So bleibt der interessierte Laie bei dieser Diskussion auf der Strecke; irgendwo zwischen für ihn nicht nachvollziehbaren und in der Höhe kaum begreifbaren Zahlen und vagabundierenden Sorgen vor Missbrauch.
Die eGK steht unverschuldet für eine bedauerliche Entwicklung im Gesundheitswesen. Fehler im System können leider durch die Karte nicht ausgebügelt werden. Das gegenseitige Misstrauen der Marktteilnehmer hat Images beschädigt. Leistungen der einzelnen Gruppen werden kaum noch gewürdigt. Statt sich über Weiterentwicklung und Chancen im Gesundheitswesen auseinander zu setzen, steht die Verwaltung im Fokus. So kann sich der größte Wirtschaftszweig in unserem Staat, den das Gesundheitswesen darstellt, nicht vernünftig weiterentwickeln. Und so werden die für die langfristige Bezahlbarkeit dieses Systems wirklich relevanten Fakten einfach ausgeblendet. Wie finanziert eine immer älter werdende Gesellschaft ihren steigenden Bedarf nach Gesundheitsleistungen ohne finanzschwache Bevölkerungsschichten auszugrenzen?
Vielleicht ist die eGK aber auch eine echte Chance für einen Paradigmenwechsel. Vielleicht verschwindet mit gläsernen Markteilnehmern das Misstrauen und die Kontrollbürokratie aus dem System. Welche Menge an intellektuellem Potential würde da frei und stände für Fortschritte in allen Bereichen des Gesundheitswesens zur Verfügung. So gesehen wäre eine eGK wünschenswert. Eine vereinfachte und damit wesentlich billigere Verwaltung. Entlastung für die Ärzte durch schnellen Zugriff auf Patientendaten. Sicherheit und Bequemlichkeit für die Patienten durch Vermeiden von belastenden Mehrfachuntersuchungen. Bessere Überlebenschancen bei Notfällen, weil dem Notarzt in Sekundenschnelle alle relevanten Informationen über Blutgruppe, Vorerkrankungen und Allergien zur Verfügung stehen würden. Man könnte diese Positivliste noch erheblich verlängern......